Klimarisiken verstehen

So schützen Sie Ihre Klinik vor Hitze, Starkregen & co.

Klimarisiken verstehen
1. Extreme & Betriebssstörungen
2. Vulnerable Krankenhäuser
3. Die resiliente Klinik
4. Klimaschutz & Klimaanpassung
5. Bedrohungen für Klinikbetriebe
Gebäude bewerten
Maßnahmen planen
Förderfähigkeit sichern
Portfoliostrategie
ESG-Konformität
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1. Wenn Extremwetter zur kalkulierbaren Betriebsstörung wird

Stellen Sie sich vor, es ist ein heißer Julitag 2023 in Berlin. Die Außentemperatur klettert auf 38 Grad, doch im Kreißsaal einer Berliner Klinik herrschen unerträgliche 42 Grad Celsius. Schwangere Frauen müssen mitten in den Wehen in andere Krankenhäuser verlegt werden. Was wie ein Einzelfall klingt, ist längst Realität in deutschen Kliniken geworden.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Allein zwischen 2021 und 2024 entstanden deutschen Krankenhäusern klimabedingte Schäden in Milliardenhöhe. Das St.-Antonius-Hospital in Eschweiler benötigte nach der Flutkatastrophe 2021 Wiederaufbaukosten von 120 Millionen Euro. Das Bethanien und Markus-Krankenhaus in Frankfurt musste 2024 aufgrund von Starkregen seine Intensivstation evakuieren. Das Klinikum Leverkusen erlebte 2021 Schäden von 8 Millionen Euro und musste 468 Patienten evakuieren.

Diese Ereignisse markieren einen fundamentalen Wendepunkt: Klimaextreme sind nicht mehr unvorhersehbare Naturkatastrophen, sondern werden zu einer planbaren Betriebsstörung, die jede Klinikleitung in ihre strategische Planung einbeziehen muss.

2. Warum Krankenhäuser vulnerabel sind

Krankenhäuser vereinen mehrere Faktoren, die sie zu besonders klimasensiblen Einrichtungen machen. Zunächst die kontinuierliche Betriebsnotwendigkeit: Während andere Gebäude bei Extremwetter temporär geschlossen werden können, müssen Kliniken rund um die Uhr funktionieren. Ein Ausfall ist keine Option, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Die technische Komplexität moderner Krankenhäuser verstärkt diese Vulnerabilität. Sensible medizinische Geräte benötigen präzise Temperaturbereiche – eine Abweichung von wenigen Grad kann teure Geräte beschädigen oder Untersuchungsergebnisse verfälschen. Kritische IT-Systeme, oft in unterirdischen Serverräumen untergebracht, sind besonders anfällig für Überflutungen und Überhitzung.

Die demografische Situation der Patienten spielt eine entscheidende Rolle. Säuglinge, ältere Menschen und chronisch Kranke reagieren überproportional empfindlich auf Temperaturschwankungen. Was für gesunde Erwachsene unangenehm ist, kann für diese Patientengruppen lebensbedrohlich werden.

Hinzu kommt die historisch gewachsene Infrastruktur: Viele Krankenhäuser wurden in Zeiten erbaut, als Klimaextreme seltener und weniger intensiv waren. Ihre Gebäudehülle, Haustechnik und Standortwahl berücksichtigen nicht die Klimarealitäten des 21. Jahrhunderts.

3. Was klimaresiliente Kliniken auszeichnet: Über Nachhaltigkeit hinaus zur operativen Exzellenz

Eine klimaresiliente Klinik ist weit mehr als ein Krankenhaus mit Solardach und Recycling-Programm. Sie ist eine medizinische Einrichtung, die ihre Kernfunktionen auch unter den sich verschärfenden klimatischen Bedingungen der kommenden Jahrzehnte zuverlässig und effizient erfüllen kann.

Die vier Säulen klimaresilienter Kliniken

Physische Widerstandsfähigkeit bildet das Fundament. Ein klimaresilientes Krankenhaus verfügt über eine Gebäudestruktur und technische Ausstattung, die auch bei Temperaturen von 40 Grad Celsius oder mehr, bei sintflutartigen Regenfällen oder bei Hagelschlägen ihre Funktionsfähigkeit behält. Dies bedeutet konkret: Dächer, die Hagel bis zu bestimmten Durchmessern widerstehen, Fassaden, die Hitze reflektieren statt zu absorbieren, und Fundamente, die gegen Unterspülung gesichert sind.

Adaptive Kapazität ermöglicht flexible Reaktionen auf veränderte Bedingungen. Klimaresiliente Kliniken können bei extremen Wetterereignissen alternative Arbeitsweisen implementieren, ohne die Patientensicherheit zu gefährden. Sie verfügen über Notfallpläne, die nicht nur theoretisch existieren, sondern regelmäßig geprobt und aktualisiert werden.

Antizipative Planung unterscheidet wirklich resiliente Einrichtungen von reaktiven Organisationen. Sie bereiten sich nicht nur auf bereits eingetretene Extremereignisse vor, sondern antizipieren zukünftige Entwicklungen basierend auf wissenschaftlichen Klimaprojektionen. Sie investieren heute in Maßnahmen, die erst in den kommenden Jahren ihre volle Wirkung entfalten werden.

Systemische Integration stellt sicher, dass Klimaresilienz nicht als isoliertes Projekt behandelt wird, sondern in alle Betriebsabläufe, Planungsprozesse und Investitionsentscheidungen eingebettet ist.

4. Der Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung

Ein häufiges Missverständnis in der Praxis ist die Gleichsetzung von Klimaschutz und Klimaanpassung. Während Klimaschutz darauf abzielt, Treibhausgasemissionen zu reduzieren und damit den Klimawandel zu verlangsamen, fokussiert sich Klimaanpassung darauf, mit den bereits unvermeidbaren Folgen des Klimawandels umzugehen.

Klimaschutzmaßnahmen wie energieeffiziente Beleuchtung oder Photovoltaikanlagen reduzieren den CO₂-Fußabdruck einer Klinik. Klimaanpassungsmaßnahmen wie Hochwasserschutz oder Kühlsysteme schützen vor den Auswirkungen des Klimawandels. Beide Ansätze sind wichtig und können sich ergänzen, erfordern aber unterschiedliche Strategien, Investitionen und Erfolgsmessungen.

Die besten Lösungen vereinen beide Ansätze: Eine Dachbegrünung reduziert beispielsweise sowohl CO₂-Emissionen durch verbesserte Dämmung als auch Hitze- und Überflutungsrisiken durch natürliche Kühlung und Wasserrückhaltung.

5. Die spezifischen Bedrohungen für Klinikbetriebe

Um effektive Anpassungsstrategien zu entwickeln, müssen Klinikverantwortliche zunächst die spezifischen Risiken verstehen, die der Klimawandel für ihre Einrichtungen mit sich bringt. Diese Risiken sind oft subtiler und komplexer als andere Betriebsrisiken.

Hitzestress: Die unterschätzte Systembelastung

Hitzerisiken manifestieren sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Direkter Hitzestress betrifft zunächst die Patientenversorgung: Säuglinge verlieren ihre Thermoregulation bereits bei 35 Grad Celsius, ältere Menschen erleiden häufiger Kreislaufversagen, und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigen dramatisch erhöhte Komplikationsraten.

Personalleistung reduziert sich ab 26 Grad Celsius messbar. Studien zeigen, dass sich die Fehlerrate bei Routinetätigkeiten ab 30 Grad um 15-20% erhöht. Konzentrationsfähigkeit und Reaktionszeit verschlechtern sich kontinuierlich mit steigender Temperatur – ein kritischer Faktor in einer Umgebung, wo Sekunden über Leben und Tod entscheiden können.

Technische Ausfälle durch Überhitzung sind besonders tückisch, da sie oft verzögert auftreten. Server beginnen bei 35 Grad ihre Leistung zu drosseln und fallen bei 40 Grad komplett aus. Medizinische Geräte wie MRT-Scanner oder Beatmungsgeräte haben ähnliche Temperaturgrenzen. Aufzüge, auf die Kliniken für Patiententransport angewiesen sind, versagen häufig bei Extremhitze.

Wasserbezogene Risiken: Von Tröpfeln bis zur Katastrophe

Starkregen kann binnen Minuten aus einer normalen Wettersituation eine Betriebskrise machen. Besonders gefährdet sind Bereiche unterhalb des Geländeniveaus, wo sich häufig kritische Infrastruktur befindet: Notstromaggregate, Heizungsanlagen, IT-Zentren und Medikamentenlager. Ein Wassereinbruch in diese Bereiche kann den gesamten Klinikbetrieb zum Erliegen bringen.

Rückstau aus überlasteten Kanalsystemen ist ein oft übersehenes Risiko. Wenn die städtische Kanalisation die Wassermassen nicht mehr bewältigen kann, drückt kontaminiertes Abwasser durch Bodenabläufe in sterile Bereiche. Die Sanierung nach einem solchen Ereignis kann Wochen dauern und erfordert oft den Austausch kompletter Bodenbeläge und Wandverkleidungen.

Langanhaltende Trockenperioden können zu Setzungsrissen in Gebäuden führen, die Wasserversorgung beeinträchtigen oder die Funktionsfähigkeit von Geothermie-Anlagen reduzieren. Diese Risiken entwickeln sich schleichend und werden oft erst erkannt, wenn bereits Schäden eingetreten sind.

Sturmrisiken: Direkte und indirekte Auswirkungen

Windlasten können nicht nur Gebäudeschäden verursachen, sondern auch sensible medizintechnische Geräte durch Vibrationen beeinträchtigen. Moderne Bildgebungsverfahren reagieren extrem empfindlich auf mechanische Störungen.

Hagel stellt eine besondere Bedrohung für Glasflächen, Klimaanlagen und Lüftungssysteme dar. Ein einziger Hagelsturm kann Reparaturkosten im sechsstelligen Bereich verursachen und kritische Systeme für Wochen außer Betrieb setzen.

Sekundäre Sturmeffekte wie Stromausfälle oder blockierte Zufahrtswege können schwerwiegender sein als die direkten Sturmschäden. Wenn Rettungsfahrzeuge das Krankenhaus nicht erreichen können oder die Notstromversorgung versagt, entstehen lebensbedrohliche Situationen.

Die Verstärkungseffekte: Warum 1+1 mehr als 2 ergibt

Die wahre Komplexität klimabedingter Risiken liegt in ihren Wechselwirkungen. Ein Stromausfall während einer Hitzewelle potenziert die Auswirkungen beider Ereignisse exponentiell. Ohne funktionierende Klimaanlagen steigen die Innentemperaturen binnen Stunden auf kritische Werte. Ohne Aufzüge wird der Patiententransport zum logistischen Alptraum. Ohne IT-Systeme funktioniert die moderne Krankenhauskommunikation nicht mehr.

Diese Kaskadeneffekte erfordern ganzheitliche Anpassungsstrategien, die nicht nur Einzelrisiken betrachten, sondern die systemischen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Bedrohungen berücksichtigen.